Weihnachten mit Charly

Eine etwas andere aber wahre tierische Weihnachtsgeschichte, oder Weihnachten im Krügerpark.

Adventzeit –Vorbereitung auf Weihnachten

Wieder einmal war es an der Zeit sich auf das „Fest des Jahres“ vorzubereiten. Die Zeichen dafür waren unmissverständlich, schließlich hatte jeder seit Anfang September die Möglichkeit sich in den Supermärkten an den Anblick der Schokoladenweihnachtsmänner zu gewöhnen. Kinder quälen sich durch faustdicke Kataloge und beginnen ihre Wunschzettel zu schreiben, jedoch nicht wie vor Jahren an den Weihnachtsmann, sondern direkt per Internet an das Versandhaus. Übergroße Weihnachtsbäume mit künstlichen Schnee und andere Plastikfiguren grölen hinternwackelnd Weihnachts- und Countrylieder. Teenies sind frustriert und bekommen Minderwertigkeitskomplexe, wenn der Freund oder die Freundin statt einer SMS einen konventionellen Liebesbrief schreibt.
Worauf sollten wir, mein Mann und ich, uns vorbereiten? Zum einen lag die Zeit der glänzenden Kinderaugen lange zurück und Hand aufs Herz, ist Weihnachten in der heutigen Zeit wirklich noch ein besonderer Tag?

Flucht vor dem Rummel

Wir beschlossen uns den Rummel in Durban nicht anzutun, stattdessen, wie schon häufig zuvor, zur Entspannung in den Krügerpark zu fahren. Bis zu unserer Ankunft in Berg en Dal Camp hegten wir noch die Vorstellung, dass auch in Südafrika die meisten Leute Weihnachten mit ihren Familien Zuhause verbringen. Schnell wurden wir eines Besseren belehrt. Sie verbringen diese Tage zwar mit der Familie, doch in diesem Jahr schienen sich alle Südafrikaner und zahllose Touristen entschieden zu haben dies im Krügerpark zu tun. Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen wieder ein und zogen weiter Richtung Norden. Es erwies sich als gute Entscheidung. Gleich nachdem wir den von uns userkorenen Platz, den ein ca. 80 Zentimeter langer Waran zunächst verbissen verteidigte, in Besitz nehmen konnten, bauten wir unser Zelt auf. Unmittelbar am Zaun, der das Camp umgibt und geschützt vor der unerbittlichen Sonne des Tages unter niedrigen Bäumen hatten wir einen Logenplatz. Wasser und Stromanschluss direkt hinter dem Zelt und die Waschräume noch vor dem Horizont.

Hallo Charly

Auf unserer nachmittäglichen Pirschfahrt entdeckten wir eine Ebene in der große Zebra- und Gnuherden grasten und für uns stand fest, gleich morgen früh werden wir direkt hierhin fahren. Zurück im Camp hatten wir inzwischen Nachbarn bekommen. Die junge Frau, vermutlich aus England, wies uns ganz aufgeregt auf eine Hyäne hin, die sich in unmittelbarer Nähe des Zauns aufhielt. Wir wussten, dass es nichts Ungewöhnliches ist, dass Hyänen, angezogen vom Geruch gegrillten Fleisches, an späten Nachmittagen gerne die Camps umstreifen.
Immer noch überschwänglich vor Freude über unseren außerordentlichen Stellplatz sagte ich aus Spaß an die Hyäne gewand: “Hallo Charly, du auch hier“ (mir fiel gerade kein anderer Name ein) und tauschte mit der Nachbarin die besten Routen für die Pirschfahrt des nächsten Tages aus. Am Horizont ging glutrot die Sonne unter und in einiger Entfernung beobachteten wir wie ein Elefant sein Abendbad nahm.

Charly war früher da

Am nächsten Morgen, in aller Herrgottsfrühe, machten wir uns auf den Weg zu der Stelle vom Vortag. Obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen war, zeigte das Thermometer bereits 24°C Grad an. Zusätzlich zu den Herden war die Beobachtungsfahrt außerordentlich erfolgreich und ließ keine Wünsche offen. Völlig übermannt von den Eindrücken und erschöpft von der Hitze fuhren wir am späten Nachmittag zurück zum Camp. Kaum waren wir aus dem Auto ausgestiegen, als unsere Nachbarin vom Vortag auf uns zukam. ,Sie wolle uns nur mitteilen, dass „unserer Charly“ heute schon früher da gewesen sei.` Artig bedankten wir uns für die Nachricht und überlegten, ob es nicht an der Zeit wäre sie darüber aufzuklären, dass es nicht „unsere Hyäne“ sei und wir jede Hyäne Charly nannten. Später. Während mein Mann sich auf den Weg machte um Eis für unsere Kühlbox zu holen, machte ich mich daran das Abendbrot vorzubereiten.

Schoßtier oder Bestie

Ich setzte mich vor unser Zelt und begann Kartoffeln zu schälen. Im gleichen Moment erschien „Charly“, schaute mich interessiert an und ließ sich nieder. Leise und beruhigend sprechend, saß ich da, verrichtete meine Arbeit und beobachtete das Tier. Es dauerte nicht lange und die Hyäne legte sich flach auf den Boden, die dicke Knopfnase durch die Maschen des Zauns gesteckt. Völlig entspannt, mich mit den großen schwarzen Augen, etwas müde ansehend, erinnerte sie mich eher an einen Dackel, als an ein Raubtier. Lediglich die großen, runden Ohren bewegten sich hin und wieder wachsam. In dieser harmonischen Situation wies nichts auf eine verschlagene, geifernde Bestie, wie Hyänen häufig dargestellt werden, hin. Auch von den gefürchteten Zähnen, die mit einem Biss selbst stärkste Knochen zerteilen war nichts zu sehen. Nichts konnte unsere Idylle stören. Es fiel mir schwer nicht meinem Gefühl nachzugeben und ihr über die Schnauze zu streicheln, ich hätte dazu nicht einmal aufstehen müssen. Irgendwann verließ mich „Charly“ und die inzwischen herumstehenden Beobachter entspannten sich und sprachen wild durcheinander.

Familienfeier

Nach dem Abendbrot saßen wir noch gemütlich mit einem Glas Wein beim Feuer, ließen den Tag Revue passieren und lauschten den Buschgeräuschen der Nacht, als wir plötzlich Bewegungen hinter dem Zaun wahrnahmen. Bei genauerem Hinsehen erkannten wir im Schein des Feuers eine Gruppe von sechs Hyänen, die es sich dort gemütlich gemacht hatte – Charly und Familie.
Wir unterhielten uns weiter und irgendwann fragte mein Mann: „Sag mal, was ist heute überhaupt für ein Tag?"
Es war Heilig Abend!
Nachdem wir uns ins Zelt zurückzogen und das gleichmäßige Zirpen der Zikaden uns den Schlaf immer näher brachte, stand für uns fest, Weihnachten ist eben doch etwas ganz Besonderes. Irgendwo in der Ferne lachten Hyänen.
Sich an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen, angefangen von der Natur und ihrer Geschöpfe, sie wahrzunehmen und vorurteilslos zu respektieren, ist ein Geschenk ohne Einkaufsrummel und Hektik. Der wahre Wert eines Geschenks läst sich nicht über die Höhe des Preises ermessen. Unvergesslich und unbezahlbar war für uns der Abend mit Charly.

Nachtrag

Es gelang uns nicht die Nachbarin zu überzeugen, dass Charly nicht „unsere Hyäne“ war. Wichtig Hinweis: Wildtiere niemals anfassen oder füttern.

Foto: HADIT

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